Donnerstag, 15. Oktober 2015

Filmreview „Crimson Peak“. Oder: Wenn Rosamunde Pilcher das Hackebeil schwingt

15.10.2015 
(Kurzes Intervall zum London Trip, aufgrund aktuellem Anlass. Ich war gestern im Kino!)

Ich gebe zu, eigentlich mag ich Filmreviews nicht so gerne. Ich bin immer der Meinung, dass sich jeder selber ein Bild machen sollte. Es ist immer eine Frage des Geschmacks. Manche mögen es halt, wenn Vampire im Sonnenlicht anfangen zu glitzern, während Andere alleine bei dem Gedanken daran am liebsten mit dem Gesicht voran in eine Backsteinwand rennen würden. Ich fürchte ich gehöre eher zur Backstein Fraktion. Ich bin zudem kein großer Fan von Liebesfilmen. Es gibt nur wenige Filme, die mir in dem Genre das Herz erweichen können. 
Von Crimson Peak hatte ich mir definitiv eine Liebesgeschichte erwartet, diese aber gepaart mit einem gehörigen Schuss Horror, einer Prise Gothic Ambiente und als Sahnehäubchen einen Spritzer Erotik. Letztendlich ist Crimson Peak auch genau diese Mischung, allerdings sind die Zutaten anders abgewogen worden. 

Das lecker Sektchen gab's gratis dazu. Das Heft allerdings nicht. Das ist aus UK importiert. 

Ich hätte es eigentlich schon ahnen müssen als der Streifen in der „Ladies Night“ im Cinemaxx in Wuppertal anlief. Dennoch, die Tatsache, dass mein Lieblingsschauspieler Tom Hiddleston in dem Werk mitspielt und das Ganze von Guillermo del Toro verfilmt worden ist, lies keinerlei Ausrede gelten. Ich MUSSTE diesen Film sehen und zwar nicht nur ich, sondern auch mein Mann... 
Der allerdings nicht freiwillig, denn ich hatte die fixe Idee den armen Kerl mit ins Kino zu schleifen, damit ich mich bei den ganzen Horror-Schock Momenten an ihn krallen konnte. 
Zum Glück ist er trotz dem Titel „Ladies Night“ nicht der einzige Mann im Kino. Im Eintrittspreis enthalten ist eine kleine Flasche Prosecco. Der Ehemann ist nett, überlässt mir seinen Anteil an der Prickelbrause und legt sich lieber ein Bier zu. 
Im Kinosaal scheint fast die Hälfte der Damen bereits beschwipst , denn als der Film anfängt quasseln die Ladies immer noch fröhlich weiter als wäre nichts gewesen. Das erheiterte Geschnatter hört erst auf, als bereits die dritte Szene über die Leinwand flackert. Gerade noch rechtzeitig um zu vermeiden, dass ich aufstehe und die quatschenden Damen hinter mir anpampe mit den Worten: „Mädels! Ich hatte heute einen scheiß Tag im Büro. Mein einziger Trost ist, dass da gleich einer der geilsten Kerle der Filmgeschichte über die Leinwand läuft und den Moment will ich genießen! ALSO HALTET ENDLICH DIE KLAPPE!“ 
Zum Glück passiert das nicht und als Hiddleston das erste Mal im adretten Anzug im Rampenlicht erscheint, drückt es mich noch etwas tiefer in den Kinosessel. 

Also Leute, wenn ihr Hiddles Fans seit: Optisch hat der Film mal wieder absolute Bestnote verdient! Aber ich muss zugeben, nicht nur der Hauptdarsteller macht etwas in Sachen Optik her. Die Bilder, die del Toro auf die Leinwand zaubert sind wunderschön, die Kostüme aus der viktorianischen Zeit atemberaubend. Dennoch, all dies täuscht nicht darüber hinweg, dass das erste Viertel des Filmes eher einem Jane Austen Liebesroman ähnelt, als einem Horror Streifen. Die Protagonisten sprechen im geschwollenen Englisch der viktorianischen Zeit. 
Naja, wenn es wenigstens Englisch wäre. Die deutsche Synchronisation tut hier leider wieder ihr Bestes um die ganze Atmosphäre zu verhageln. Jeder dieser gestelzten Sätze ist im Deutschen noch einschläfernder und schmerzt in meinem Gehörgang wie Schmirgelpapier. Aber darüber könnte ich hinweg sehen, wenn der von Streichinstrumenten überrannte Soundtrack nicht noch eine gehörige Portion Schmalz auf das eh schon triefende Butterbrot schmieren würde. Und so wird auch der erste Kuss unserer Protagonisten entsprechend akustisch untermalt. 
Ich blende all das Drumherum aus und konzentriere mich auf die doch sehr beeindruckende Fähigkeit des Herrn Hiddleston einen Filmkuss in ganz großes Kino zu verwandeln. Die Szene nimmt mich, das unromantischste Mädchen der Welt tatsächlich für einen Moment gefangen. Dann fängt meine Sitzreihe auf einmal an zu wackeln. Als ich mich zur Seite drehe erkenne ich, dass es sich nicht um ein Erdbeben handelt, sondern um meinen Ehemann, der sich vor Lachen den Bauch und Mund halten muss. 

Uuuund die Romantik zerplatzt wie eine Seifenblase. 

Immerhin geschieht jetzt endlich der erste Mord und der ist in der Tat nicht schlecht gemacht. Del Toro versteht es in Mitten des Kitsches eine ziemlich fiese Szene zu packen. 
Das Problem ist nur, dass ich kurz zuvor erst alle Teile von Nightmare on Elm Street und als Bonus noch Chucky die Mörderpuppe gesehen hatte. 
Ich fürchte irgendwas stimmt nicht mit mir, denn eine von einem Massenmörder besessene Puppe niedlich zu finden, klingt irgendwie… seltsam. Somit bin ich diesbezüglich also abgehärtet und vermute, dass es sich hierbei erst mal um die Vorspeise handelt. Der Hauptgang kommt aber leider erst einmal nicht. Für mich kommen die Charaktere irgendwie nicht so richtig in Fahrt. Die Liebesgeschichte hingegen schreitet mir viel zu schnell voran. Vielleicht ist man in der heutigen Zeit einfach zu sehr verwöhnt von wirklich gut gemachten Serien in denen die Protagonisten genug Zeit haben sich in Ruhe zu entwickeln und sich in unsere Herzen zu spielen. Im Film muss man da halt einfach schneller ran, sonst säßen wir alle jetzt noch im Kino. 
Ein Lichtblick ist für mich Hauptdarstellerin Jessica Chastain, die in der Rolle der zwielichtigen Lucille Sharpe überzeugt. Natürlich spielt auch der Rest des Ensembles gut, aber wer diese Schauspieler aus anderen Filmen oder Serien kennt, weiß dass sie weit hinter ihren Fähigkeiten bleiben. Das liegt meines Erachtens nicht an ihnen sondern am doch recht einfachen und vor allen Dingen vorhersehbaren Script. Was mich am allermeisten ärgert ist, dass Regisseur del Toro (ob mit Absicht oder nur durch Zufall) viel zu sehr der Thematik des Filmes „Das Geisterschloss“  (The Haunting) von Jan de Bont aus dem Jahre 1999 aufgreift. Auch dort haben wir ein Herrenhaus mit verwinkelten, geheimen Räumen, die sich zum Teil sogar optisch mit Crimson Peak ähneln. Ein faszinierendes Gebäude, das irgendwie zu leben scheint und Geister, die den Weg weisen. Da hätte ich mir etwas mehr Kreativität erwartet. Andererseits, diese Attribute haben Geisterschlösser nun mal an sich und das erwartet der Zuschauer auch. Die gruselige Grundstimmung ist den ganzen Film über präsent und wird sehr atmosphärisch und konsequent rübergebracht. Das gefällt mir. 
Dazwischen wird der Hiddles Fan dann noch mit einer hübschen, erotischen Szene belohnt, in der der Hauptdarsteller einmal die Rolle tauscht (wohl mit Absicht, wie man einigen Interviews vorab entnehmen konnte). Normalerweise heißt es bei solchen Szenen ja immer bei der weiblichen Hauptrolle: Klamotten weg, Titten raus! Hier nicht! Hier bleibt die Heldin bedeckt und Herr Hiddleston entblößt bereitwillig sein Hinterteil. Sehr zur Freude der quietschenden Damenreihe hinter uns. 
Ich reiße mich zusammen, damit mein Mann mir nicht die Scheidungspapiere einreicht. 
Überhaupt sind die Frauen in diesem Film das stärkere Geschlecht. Sir Thomas Sharpe ist eher ein Spielball und ähnelt in seiner Tragik sehr an „Loki“ aus den Avengers, den Hiddleston bereits brillant in den Marvel Filmen portraitierte. Und so zeigt er auch in Crimson Peak mehr als einmal mit einem formvollendeten Hundeblick, dass er Stein (in dem Fall mein Herz) in Pudding verwandeln kann. 
Ein komplett identischer Hundeblick schaut mich allerdings auch an, als ich mich zur Seite drehe. Diesmal nicht gespielt sondern mit herzzerreißender Ehrlichkeit. Der Ehemann braucht eigentlich gar nichts sagen. 
Diese gequälten Augen verraten mir: „Bitte, töte mich! Erlöse mich von dieser Schmonzette. Außerdem ist mein Bier alle.“ 
Ich bekomme tatsächlich ein schlechtes Gewissen. Wenn mir der Film schon zu viel ist, dann muss er für einen Mann wie ein Trip durch die Hölle sein. Doch der Gatte hält weiterhin tapfer durch, gefangen in einem dunklen Raum voller Östrogen gefluteter Damen. 
Der Showdown hält dann doch noch so einiges an blutigen Effekten parat. Man tötet hinterhältig und vor allen Dingen mit Klingen. Zum Einsatz kommen lange Messer, kurze Messer, mittlere Messer, Hackebeile, Macheten. Man könnte fast meinen der Film sei in Solingen gedreht worden. 



Nun denn, was kann ich als letztes Resümee von mir geben. Ich gebe zu, in diesem Text liest sich der Film wie eine reine Katastrophe. ABER, wie ich bereits sagte, ich bin dafür kein Maßstab. Ich liebe Gothic Filme, wie Tim Burton sie auf die Leinwand zaubert. Sie haben für mich die richtige Mischung aus Horror, Liebe, Brutalität und vor allen Dingen Humor (aber auch da scheiden sich die Geister!). Crimson Peak setzt ähnlich auf, allerdings ist die Mischung anders verteilt und legt den Hauptwert auf die Liebesgeschichte. Es ist also meines Erachtens kein richtiger Horrorfilm, sondern eher ein romantisches Gothic-Grusel-Märchen. Und das macht der Film absolut gut! 
Wer diese Symbiose mag, um Himmels Willen: Geht bitte in den Film rein! Es ist genau das was er rüberbringen will und was er absolut richtig macht!
Lasst euch durch mein Gequatsche nicht abschrecken. Der Film ist wunderbar romantisch und hat wirklich ein paar tolle Dialoge, die selbst mir eine kleine, wohlige Gänsehaut verpasst haben. Lasst euch darauf ein, hinterfragt nicht zu sehr und genießt den Abend. Dann kann eigentlich nichts mehr schief gehen.

Stay Professional 

Donnerstag, 8. Oktober 2015

Achtung Spoiler! Oder: Ein Hamlet ist keine Eierspeise!

11.08.2015 Teil 3
Ich nehme es gleich vorweg:
In diesem Beitrag wird gespoilert! 
Nein, das hat nichts mit einer hässlichen Plastiktheke, die man hinten ans Auto schraubt zu tun. Es geht darum, dass vielleicht einige von euch das Glück haben in den nächsten Wochen noch die Hamlet Aufführung in London live mit zu erleben, ODER das Theaterstück im Kino eures Vertrauens am 15.10.2015 per Liveschaltung genießen zu können. 
Wer sich aber dennoch traut weiter zu lesen dem sei gesagt: Es gibt Dinge, die kann man eigentlich gar nicht spoilern. Denn sie sind allgemein bekannt. 
Ich rede hier von Kinogängern, die im Film Titanic sitzen und am Ende entsetzt sagen: „Wie? Das Schiff ist untergegangen?“
Das ist genauso als ob man Hänsel und Gretel lesen würde und überrascht feststellt: „Ach was! Die Hex ist tot?“
Ich kann natürlich verstehen, dass man in Zeiten von Game of Thrones oder The Walking Dead etwas panisch ist. Die Autoren sind nämlich gemein und bringen auch gerne mal einen der Hauptcharaktere um, ohne dass man etwas davon ahnt. Bei den klassischen Werken von Shakespeare ist das anders. Der killt natürlich auch gerne Leute, aber wie bei der Titanic weiß man meist wie es ausgeht, sofern man in der Schule einen sadistisch veranlagten Englischlehrer hatte. 
Wer sich aber dennoch komplett überraschen lassen möchte, dem gebe ich hier trotzdem einen Rat: Bevor ihr euch das Stück anseht, nehmt das Buch zur Hand und lest es! Mein  Englisch ist wahrlich nicht schlecht ist, aber selbst mir fällt es schwer der shakespeareschen Sprache zu folgen. 
Mit dieser Vorahnung hatte ich mich zuvor durch die Seiten einer grottenschlechten Hamlet Übersetzung gequält. Es macht keinen Spaß das zu lesen, da bin ich ehrlich, aber es hilft einem am Ende ungemein, das Stück richtig verstehen und genießen zu können. 

Haltestelle "Barbican"

Ich mache mich also am frühen Abend auf den Weg zum Barbican Theater. Nach erneutem Gedränge in der U-Bahn blieb lediglich Zeit zum frisch machen und weiterreisen, das Nickerchen musste wieder einmal zurückgestellt werden. 
Und so sitze ich jetzt im Foyer dieses unfassbar riesigen Komplexes. 
Das Barbican ist ein gigantisches Kulturzentrum. Hier gibt es Kinos, Ausstellungsräume, Seminarräume, ein Gewächshaus auf dem Dach und natürlich das Theater. Ich bin fast zwei Stunden zu früh da. Das macht mir aber nichts, denn so kann ich noch ein wenig über die verschiedenen Etagen flanieren, den Museumsshop besuchen und eine Runde auf den gemütlichen Ledersitzen entspannen. 
Endlich Ruhe! 
Und wer hätte das gedacht, im Barbican ist es wirklich ruhig! 
Fast hätte ich Ohropax eingepackt, da die britische Presse doch bereits im Vorfeld mehrfach von kreischenden, Selfie machenden, pubertären Fans des Hauptdarstellers berichtete, die wie eine unkontrollierte Meute jeglichen Theaterbesuch zunichte macht. 
All dies stellt sich als kompletter Blödsinn heraus. 
Es stimmt natürlich, dass jede  Nacht Leute vor dem Barbican campieren um die begehrten, letzten Tageskarten für die Vorstellung zu ergattern. Dies ist in London allerdings nicht unüblich, ganz unabhängig von der Aufführung. Selbst jetzt sitzen noch jede Menge Leute vor dem Ticketschalter und hoffen auf Karten, die im letzten Moment zurückgegeben werden. 
Als ich an den Wartenden vorbei marschiere bin ich erst einmal verwirrt, doch ein Blick auf ein kleines Schild gibt mir Gewissheit. Ja, das hier ist tatsächlich die Warteschlange für Hamlet mit dem Frauenschwarm Benedict Cumberbatch. Ein weiteres Klischee wird sofort atomisiert. Hier campieren heute fast nur Männer! Wer hätte das gedacht?
Horden von kreischenden, hoch gewachsenen Fangirls mit starkem Bartwuchs belagern wie jeden Tag das Barbican!

Kurz vor der Vorstellung macht sich dann doch etwas Nervosität in mir breit. Wie wird das Stück wohl werden? Wird alles gut gehen? Die Premiere war erst letzte Woche, da passieren am Anfang immer mal wieder ein paar Fehler. 
Und vor allen Dingen: Wie viele Schlüpfer und BH’s werden im ersten Akt auf die Bühne geworfen? 
Werden wir Damen unsere hormongefluteten Körper kontrollieren können und ausnahmsweise mal nicht nackt durch den Saal rennen? Ich wette da sitzen tatsächlich jeden Abend Redakteure von irgendwelchen Schmierblättchen im Auditorium und warten nur darauf, dass irgendetwas passiert, was sie anschließend bis zur Unkenntlichkeit verwursten können. 
„Hysterische Zuschauerin weint während des ganzen Stücks!“, lauten dann die Schlagzeilen, dabei hatte die Ärmste nur eine Erkältung. 
Eines steht fest, ausziehen wird sich heute Abend niemand, denn die Klimaanlage des Barbican gibt ihr Bestes. Ich warte nur noch darauf, dass Schnee von der Decke rieselt. 
Ich habe einen recht guten Platz, genau in der Mitte des riesigen Saales ergattert. Als das Licht gedimmt wird verstummt das Stimmengewirr. 
Der Vorhang öffnet sich und vor uns erscheint ein kleines Zimmer. Das Bühnenbild ist minimalistisch. Eine geschlossene Tür, eine antike Truhe mit Erinnerungsstücken und daneben Hamlet, bzw. Mr. Cumberbatch persönlich. Er steht einsam im Rampenlicht, durchforstet die Kiste und sinniert mit einer Stimme, die Titan zum Schmelzen bringt: „To be or not to be?“ („Sein oder nicht sein?“). (Übrigens ein Experiment der Regisseurin, diese berühmten Worte bereits an den Anfang des Stückes zu setzen. Wie sich nach den ersten Aufführungen aber herausstellte, kam dieser Wechsel beim Publikum nicht so gut an, weswegen man den Part nach ein paar Vorführungen wieder an seinen ursprünglichen Platz, nämlich ins letzte Drittel, versetzte.)
Ich lehne mich zurück und komme aus dem Grinsen nicht mehr heraus. Ich bin einfach nur dankbar dafür, solch einen Schauspieler nur wenige Meter vor mir, live performen sehen zu dürfen. Im Saal kann man eine Stecknadel fallen hören, alle hängen gebannt an den Lippen des Hauptdarstellers. Dass mich nur wenige Minuten später eine ganz andere Sache aus den Schuhen hauen wird, ahne ich jetzt noch nicht. 
Mit einem gruseligen Lichteffekt kommt Hamlets Vertrauter Horatio auf die Bühne, es folgt ein kurzer Dialog. Und dann Szenenwechsel. 
Das ist der Moment in dem mir die Kinnlade herunterfällt. Es stellt sich heraus, dass die Bühne, die wir bis dato gesehen haben nur ein Bruchteil von dem ist, was den Zuschauer erwartet. Die Wand des spartanischen Zimmers verschwindet in der Bühnendecke und was dahinter zum Vorschein kommt ist so gigantisch, dass ich sofort eine Gänsehaut bekomme. 
Kennt ihr den Moment, wenn sich die Leinwand im Kino vergrößert, kurz bevor der Hauptfilm anfängt? 
Dann wenn das Kino mit beeindruckendem Surround Sound prahlt mit was für einer genialen Technik es aufwarten kann? 
Der Moment wenn man das Gefühl hat die Leinwand legt sich einmal über das Gesicht bis hinter die Ohren? 
Dieses Gefühl mit 100 multipliziert, ja, das kommt ungefähr hin. Die Halle eines riesigen Schlosses taucht auf, mit Kristall-Kronleuchtern, so groß wie mein Büro. Die Schauspieler versammeln sich um eine üppige Tafel und wirken in der Kulisse plötzlich wie winzige Püppchen. Die Bühne scheint einfach unendlich. Sie ist nicht nur breit, sondern geht auch noch so weit in die Tiefe, dass man im Hintergrund noch weitere Zimmer sieht, und selbst dahinter noch eine Ebene. 
Über die Treppe zur Linken kommen weitere Darsteller ins Bild, gekleidet in detailverliebte Roben. Es ist eine Mischung aus den zwanziger Jahren und etwas, dass einem Tim Burton Film entsprungen sein könnte. Die Wände sind in schmutzigem Petrol gestrichen und drücken die Stimmung und das Licht. 
Spätestens jetzt zeigt uns das Bühnenbild in eindeutiger Art und Weise: „Something is rotten in the state of Denmark“ („Etwas ist falsch/faul im Staate Dänemark“).

Das Stück beginnt und für die nun folgenden 3 ½ Stunden werden wir Zeugen einer Inszenierung, die zeigt, dass hier die besten Theaterproduzenten der Welt am Werk sind. Natürlich steht an der Spitze das Aushängeschild Benedict Cumberbatch, ein Schauspieler, dem die Perfektion in die Wiege gelegt worden sein muss. Er sprintet und tanzt zugleich über die Bühne, jeder einzelne Schritt sitzt, jeder Satz perlt aus seinem Mund wie eine perfekt komponierte Melodie. Würde ich jedes Detail hier wiedergeben, ich müsste einen Roman verfassen. 
Aber ein Team stellt selbst diesen Schauspieler, im wahrsten Sinne des Wortes, in den Schatten. Damit meine ich die Bühnenbildner, Soundtechniker und Beleuchter. Sie nehmen das Publikum, wirbeln es in eine komplett andere Welt und lassen es im Strudel der Bilder, die sie live vor ihm zeichnen, ertrinken. Vielleicht das einzige, kleine Manko, denn dadurch geht manch schauspielerische Leistung leider etwas unter. 
Einige Szenen hingegen setzen die Darsteller wiederum genau ins richtige Licht. Das passiert immer dann, wenn einer der für Shakespeare typischen Monologe an die Reihe kommt. Normalerweise würde die Figur in diesem Moment alleine auf der Bühne stehen. Bei solch einer riesigen Szenerie ist es aber ein Ding der Unmöglichkeit erst mal wieder alle anderen aus dem „Bild“ zu schaffen. 
Hier bedient man sich eines sehr wirkungsvollen Tricks: Während das Spotlight auf den Monolog Haltenden zielt, wird der restliche Raum in schummriges Zwielicht versetzt. Die übrigen Darsteller verfallen auf einmal in sehr langsame Bewegungen und so sieht es aus als würde alles in Zeitlupe laufen, bis auf die Person im Licht. Es ist als ob man eine dieser computergenerierten Szenen aus Matrix anschaut. 
Kaum ist man über diesen grandiosen Effekt hinweg gekommen, erschüttern Konfettikanonen die Zuschauer. Schwarzes Papier wird wie ein Sturm über die Bühne geblasen und entlassen das Publikum in eine kurze Pause. 
Meines Erachtens ist dieses Intervall eigentlich viel zu kurz um die komplette Bühne in ein Trümmerfeld voller Schutt zu verwandeln. Die Bühnenbildner müssen Zauberer sein, oder haben uns heimlich für ein paar Stunden narkotisiert, da bin ich mir eigentlich sicher, denn wo kommen auf einmal diese Berge von Geröll her, die sich nach der Pause quer über die Bühne ergießen? 

Doch es ist nicht nur alles Drama, denn dieser Hamlet ist gleichzeitig sehr humorvoll. Vor allen Dingen dann, wenn der dänische Prinz vorgaukelt, verrückt geworden zu sein. Und auch da enttäuscht der Hauptdarsteller nicht. Cumberbatch beherrscht sowohl Drama als auch Komödie und das alles in einem Stück. 


Wer neugierig ist,
wie das Ganze aussieht, 
der kann sich hier den offiziellen Trailer 
für die kommende Live Übertragung ansehen:



Nach dreieinhalb Stunden fällt der Vorhang und das Publikum beschenkt das Ensemble mit stehenden Ovationen. Die Darsteller kommen noch einmal nach vorne und verneigen sich. Und auch jetzt fliegen keine BH’s oder Schlüpfer. 
Doch! Eine Sache gelangt tatsächlich auf die Bühne. Ein junges Mädchen steht auf und überreicht dem Hauptdarsteller einen hübschen, kleinen Blumenstrauß. Cumberbatch bedankt sich, indem er der Schenkenden einen Luftkuss zuwirft, bleibt aber ganz Gentleman und reicht die Blumen an eine der weiblichen Darstellerinnen weiter. Dem Mädchen macht das nichts aus. Sie schwebt nach dieser Aktion bereits auf Wolke 300. 
Und so geht ein weiterer Theaterabend zu Ende… 
... denke ich, denn eigentlich hieß es ja immer, dass der Herr Cumberbatch nicht zur Stage Door kommen und nach dem Stück keine Autogramme geben wird. Eigentlich…, aber dazu mehr im nächsten Eintrag.


Stay Professional


Sonntag, 27. September 2015

The Shard. Oder: Warum Zombies seltsam laufen

11.08.2015 Teil 2


Ich mache jetzt mal etwas, das man als Autor eigentlich niemals tun sollte. Ich löse sofort das Rätsel der Kapitelüberschrift auf. Muss ich, denn sonst macht der ganze andere Krempel hier keinen Sinn.  
Warum laufen Zombies so seltsam? 
Warum schlurfen sie als ob jemand ihnen eine Eisenkugel ans Bein gebunden hätte? 
Die Antwort ist so banal, dass ich zuerst selbst nicht darauf gekommen wäre: Denen tun schlicht und ergreifend die Füße weh! Die haben keinen BMW in den sie sich mal eben setzen können, wenn der kleine Hunger nach menschlichem Gehirn wieder mal zu groß wird. Die nimmt auch kein Taxifahrer mit und da sie in der Regel die Monatskarte nicht mehr bezahlen können, dürfen sie auch nicht mehr mit der U-Bahn fahren. Und somit müssen die armen Zombies jeden Tag unzählige Kilometer zu Fuß hinter sich bringen, immerwährend auf der Suche nach dem nächsten Leckerbissen. 
Das muss einfach so sein, denn genau so geht es mir gerade. 

Nachdem ich seit fünf Stunden ununterbrochen durch London gewandert bin, habe ich das Gefühl nur noch auf den Stumpen meiner Unterschenkel zu latschen. Die ursprünglich so bequemen Sneaker stellen sich als komplette Fehlinvestition heraus und mein Rucksack verwandelt sich mehr und mehr in einen 100 Kilo Mann, der sich von mir fröhlich Huckepack tragen lässt. Aber mein Durst nach dem Leben in Londons Straßen treibt mich weiter und weiter. Ich kann nicht stehen bleiben. Ich muss weiter ziehen, immer mehr entdecken, immer Neues aufsaugen. 

Braaaaaaaiiiins!

Dummerweise hat die Straße in der ich jetzt gelandet bin eher etwas von einem Friedhof. Kein Mensch weit und breit. Eigentlich sollte ich inzwischen wieder an der Themse stehen, und eigentlich sollte es hier kleine Cafés und Shops geben? 
Ein Blick auf die Karte verrät mir, dass ich schon wieder denselben Fehler gemacht habe. Als ich den Stadtplan um 180° drehe erkenne ich, dass mein richtiges Ziel in der entgegengesetzten Richtung liegt. 
Mir reicht es. 
Ich werfe alle meine ursprünglichen Pläne über Bord und beschließe erst einmal zurück ins Hotel zu fahren. Wenn ich meinen jetzigen Pfad beibehalte, sollte ich auf jeden Fall an einer U-Bahn Station raus kommen. Das ist dann schon mal die halbe Miete. 
So schlurfe ich weiter, mit glasigem Blick und dem Gefühl, dass ich jeden Moment im Gehen einschlafe. 
Zieh dich cool an, komm nicht wie so ein Tourist daher, versuch dich in die Menge zu integrieren, gaukle den Leuten vor, dass du Londonerin bist. Das ist cool! Genau das willst du. 
Ja das hatte ich mir vorgenommen als ich das Hotel verlassen habe. Das Vorhaben ist bereits nach wenigen Sekunden kläglich daran gescheitert, dass ich mir einen Rucksack aufgeschnallt habe. Ich dachte ich hätte diesen Fauxpas noch mit hippen Klamotten gut machen können, aber die bringen leider auch nichts, wenn sich die Trägerin eine fünfzig Kilo schwere Spiegelreflexkamera um den Hals hängt und vollkommen irritiert in einen Faltplan starrt. 
Als Sahnehäubchen hat die obligatorische Regenjacke nicht mehr in den Rucksack gepasst und umklammert jetzt plakativ meine Hüfte. 
Alleine die Tatsache, dass ich meinen Ausweis nicht in einem mit Klettverschluss gesichertem Brustbeutel um den Hals trage, rettet mich wahrscheinlich gerade davor nicht sofort ausgeraubt zu werden. 
Immerhin scheint die Gegend hier halbwegs sicher zu sein. Die Fahrräder, die überall an die Zäune gekettet sind, sind jedenfalls alle noch vollständig. Da kenne ich aus Köln aber ganz andere Bilder. Skelettierte Fahrradrahmen, die sich mit letzter Lebenskraft an ein rostendes Schloss krallen, sieht man hier seltener. 
Übrigens gibt es in London eine sehr interessante Eigenart sein Fahrrad zu sichern. Da es verboten ist sein Zweirad an Verkehrsschilder oder Lampen zu ketten, weicht man auf die zahlreichen Zäune bzw. Gitter aus, die sich um viele der großen Häuser winden. Allerdings lehnt man sein Bike in London nicht einfach ans Gitter an, sondern man hievt es nach oben und klemmt es dort in luftiger Höhe fest. 
Warum das so ist? Ich habe keine Ahnung. 
Vielleicht dürfen Räder nicht auf dem Gehweg abgestellt werden, aber wenn sie in der Luft hängen, gibt es keine Rechtsgrundlage mehr für eine Verkehrswidrigkeit? 
Oder man schützt sich so vor Hunden, die gerne am frisch geflickten Fahrradschlauch ihr Beinchen heben? 
Oder man macht es potentiellen Dieben schwerer, denn die müssen erst einmal ordentlich Gewichte stemmen um das Fahrrad wieder vom Zaun heben zu können. 
Vielleicht ist es sogar umgekehrt, und das würde ich den höflichen Engländern sogar noch eher zutrauen: So hat der potentielle Dieb das Fahrradschloss direkt in Augenhöhe und muss sich zum Knacken nicht erst noch herunter beugen. 
Man erkennt, ich habe absolut keine Ahnung. Wer es also weiß, der möge mich bitte aufklären. 

Fahrradständer 

Ich schlurfe also weiter vor mich hin und merke, dass es um mich herum auf einmal wieder lebendiger wird. In Anzug und Kostümchen gekleidete Business Leute stolzieren kreuz und quer über die Straße. Als ich nach oben schaue um mich zu orientieren werde ich von einer frisch geputzten Glasfassade geblendet. Mein Blick folgt der Glaswand, die einfach nicht enden will, selbst als ich meinen Kopf in den Nacken lege. 
Meine Güte muss ich müde sein, dass mir dieser Koloss jetzt erst auffällt. 
Im Schatten des spitzen Turmes komme ich mir vor wie eine Ameise, die gerade vor einer Giraffe steht. Ja, so darf man sich auch fühlen, wenn sich vor einem das aktuell höchste Gebäude der EU aufbaut. 
„The Shard“ steht in schlanken Buchstaben über einem Seiteneingang. Wieder so eine Sache, über die ich mich vorher überhaupt nicht informiert habe und die mich jetzt so überrascht wie eine Blondine, die aus einer Torte springt. 
Ich will gerade weiter gehen, da lese ich etwas von „Aussichtsplattform“. 
Moment mal! 
Wäre ich ein Hund, meine Ohren würden sich aufmerksam aufstellen. London von ganz, ganz oben sehen, das wäre doch mal was! 
Da Spontanität mein zweiter Vorname ist laufe ich sofort zum Seiteneingang, der mit der besten Aussicht Londons wirbt. Kleine LED Lauflichter ziehen mich hinter sich her und so erklimme ich die ersten Treppenstufen zu einem Höhenrausch der Extraklasse.

Dummerweise endet dieser Rausch bereits nach dreißig Stufen in Form eines Portiers, der mich von oben bis unten mustert. 
„Good afternoon Lady. Are you alone?“ („Guten Tag, sind Sie alleine?“) 
Ich drehe mich natürlich erst einmal verwirrt um und schaue ob jemand hinter mir gemeint ist. Aber da ist niemand. Ja, dann bin ich wohl alleine. Hätte der Schlaumeier ja eigentlich in Anbetracht des komplett leeren Ganges, selber drauf kommen können. 
Ich nicke freundlich und bin gespannt was der nette Herr zu sagen hat. Doch anstatt der sonst so höflichen, britischen Gastfreundlichkeit starrt mich pures Entsetzen an. 
Der Portier sieht aus als müsste er mir jeden Moment vor die Füße kotzen. 
Ja gut, ich bin ein Touristenzombie, dessen Augenringe sicherlich schon bis zu den Knien hängen, aber sehen hier nicht alle Touris so aus? Und eine Aussichtsplattform ist doch was für Touristen, oder? Oder vielleicht ...nicht...? 
Auf einmal wächst ein zartes Pflänzchen namens Zweifel in mir und es beginnt unkontrolliert zu wuchern als mich der Kerl erst nach einer erneuten, abschätzenden Musterung passieren lässt. „Please check the prices!“ („Bitte informieren sie sich über die Preise“),  wirft er mir abfällig entgegen. 
Vollkommen verunsichert stakse ich in die gläserne Eingangshalle. Der Check in für den Ausflug in luftige Höhe sieht aus wie an einem Flughafen. 
Hinter der Empfangstheke stehen adrett gekleidete Hostessen, die noch adretter gekleideten Gästen die Eintrittskarten in die Hand drücken. Links von mir führt ein Gang aus poliertem, schwarzem Marmor zum Fahrstuhl ins Glück. Rechts von mir steht eine winzige Preistafel auf dem Tresen. 
Ich muss mich weit vorbeugen um überhaupt sehen zu können was dort steht und auch nach dem dritten Mal lesen muss irgendwas mit meinen Augen nicht stimmen. 
Einmal hoch und wieder runter kosten 37 Pfund. Das sind knapp über 50 Euro. Ich bleibe wie angeflanscht stehen. Ich habe das Gefühl die Augen dieses arroganten Portiers kleben immer noch auf mir und wenn ich jetzt sofort umkehre, dann wird er innerlich Tango tanzen. Ganz nach dem Motto: Hab ich's dir doch gesagt, du heruntergekommener, unvermögender Dorftrampel. 

Ich studiere die Preise erneut. Irgendwas muss ich übersehen haben. So viel, nur für einmal rauf und runter? 
Womit wird der Fahrstuhl betrieben? Mit Kerosin? 
Oder haben die vielleicht sogar das Beamen erfunden? 
Im unteren Drittel der Preisliste gibt es sogar noch eine Steigerung. Kosten für einen Erwachsenen: 46 Pfund. Dafür darf man dann aber zweimal hoch und runter. Aber auch nur am selben Tag. Für die, die London einmal bei Tag und einmal bei Nacht von oben sehen wollen. Zu dumm, dass der Turm bereits um 22 Uhr schließt und es Hochsommer ist. Da ist um die Uhrzeit noch nicht viel mit „London bei Nacht“. Aber für den Preis können die Herrschaften vom „The Shard“ sicherlich auch eine Sonnenfinsternis hervorzaubern. 
Es nutzt alles nichts. Ganz ehrlich, so gerne ich London mal von oben sehen möchte, das ist es mir einfach nicht wehrt. Also atme ich tief ein, spanne meine Schultern, schlucke meinen Stolz herunter und schreite ohne ein weiteres Wort an dem Portier vorbei, zurück nach draußen. 
Aber eines Tages, da werde ich wieder kommen und dann habe ich gespart. Nur für diesen einen Tag! Dann werde ich mit Banknoten um mich werfen und über sie stolzieren, nur damit meine Schuhe nicht dreckig werden. 
Und wenn mich dieser Troll dann wieder fragt ob ich alleine bin werde ich sagen: „Nein! Denn ich habe die deutsche Nationalmannschaft zu einem kleinen Umtrunk eingeladen.“ 
Und wenn dann Podolski und Co. auf Kommando antraben, werden sie alle Fußballschuhe mit Stollen tragen und den kompletten Marmor Eingangsbereich dieser Schickimicki Bude zerkratzen. Und die Preisliste? 
Die wird von Per Mertesacker aufgegessen. 
Und wenn mich der Portier dann entsetzt fragt wer ich bin dann sage ich: „Vielleicht bin ich gar kein unvermögender Dorftrottel mit Blasen an den Füßen, sondern Manuel Neuer!“  

Ich merke wie mir schwindelig wird. Oh man, ich brauche dringend eine Portion Schlaf.

Ob mir dieser Schlaf gegönnt wird und welcher Superstar mir am Abend zum greifen nah ist, das erfahrt ihr in meinem nächsten Eintrag.


Stay Professional!


"The Shard". Sieht auf dem Bild hier gar nicht so groß aus. 


Sonntag, 20. September 2015

Schlaraffenland. Oder: Warum es manchmal gut ist, wenn ein Plan nicht funktioniert







11.08.2015 Teil 1
Vorbereitung ist alles! 
Das meine ich ernst. Nichts ist frustrierender als irgendwo über eine langweilige Hauptverkehrsstraße zu latschen, weil man gerade mal wieder keine Ahnung hat wo man eigentlich ist. Aus diesem Grund habe ich meinen London Aufenthalt auch akribisch geplant. Naja… bis auf den heutigen Tag. 
Am Vormittag gönne ich mir etwas Erholung und koste die Zeit im Bett so lange wie möglich aus. Die halbe Nacht bin ich trotz lähmender Müdigkeit hochgeschreckt, weil ich dachte das Hotel brennt gerade ab. Der tatsächliche Grund ist allerdings, dass auf der Kreuzung vor meinem Zimmer halbstündlich ein Rettungswagen vorbei donnert. Die britischen Sirenen klingen wie polyphone Klingeltöne auf Speed und tragen nicht unbedingt zur erholsamen Nachtruhe bei. Mein Gehirn muss sich erst einmal wieder an die Abspaltung zu unseren deutschen Trethupen gewöhnen. Bitte nicht falsch verstehen, das Hotel mag gemäß der von mir vermittelten Eindrücke wie eine Katastrophe erscheinen, aber es ist bereits das zweite Mal, dass ich hier Urlaub mache und ich würde es auch immer wieder buchen. 
Warum? Nun, es hat zwar so seine kleinen Macken, aber es ist sauber, die Matratzen verwandeln sich nicht in Hängematten sobald man darin liegt, das London Eye steht nur zwei Straßen weiter und für diese zentrale Lage ist es verdammt günstig. 
Muss man für andere Hotels in dieser Lage erst einmal sein gesamtes Hab und Gut verpfänden, kommt man hier halbwegs über die Runden ohne sich für den Rest seines Lebens zu verschulden. Ja, London ist teuer. Das will ich nicht beschönigen. Zwei Wochen all inclusive Urlaub am Mittelmeer oder vier Tage smogverseuchte Großstadt. Ihr habt die Wahl. 
Das meine Entscheidung wieder einmal auf zweites gefallen ist, zeigt aber auch, wie toll diese Stadt ist. Während des Frühstücks habe ich einen Geistesblitz. Wenn ich schon diverse Theaterbesuche in London wahrnehme, warum dann nicht auch endlich mal das Shakespeare Globe Theatre besichtigen (Leider ist dies nicht mehr das ursprüngliche Theater, aber ein originalgetreuer Nachbau.) 
Ich schnappe mir also meinen Faltplan und ziehe wieder los. 
Die U-Bahn Station liegt direkt gegenüber vom Hotel und so bin ich innerhalb kürzester Zeit an der Station „London Bridge“ angekommen. Aber wie geht es jetzt weiter? Einer der vielen Gründe warum ich mich so gut auf Reisen vorbereiten muss ist der, dass ich Stadtpläne grundsätzlich verkehrt herum halte. Und so laufe ich erst einmal in die falsche Richtung. Innerlich weiß ich meist sogar schon, dass da irgendwas nicht stimmen kann, aber mein Ego übertönt jedes Mal meine Intuition und die Leidtragenden dieses Streits sind dann meine Füße. 
Als Resultat latsche ich zwei Mal durch die Menschenmassen, die sich vor der U-Bahn Station drängen und von dort aus in alle Himmelsrichtungen verteilen. Aber auch auf der anderen Straßenseite ist dann kein Weiterkommen in Sicht. Ab hier geht es nur noch quer über die Themse, aber da will ich doch eigentlich gar nicht hin? 
Ich stopfe die Straßenkarte in meine Hosentasche und beschließe auf eigenen Faust einen Weg zu finden. Ich muss nur irgendwie ans Ufer kommen, dann müsste der Rest ein Kinderspiel sein. 
Als ich von der Brücke aus nach unten schaue entdecken meine Augen eine Oase in Mitten der Menschenmassen. Ein kleines Cafe hat in einem Innenhof jede Menge gemütliche Sofas, Hängematten und Liegestühle aufgebaut auf denen die Gäste die Sonne genießen. Kaum einer, der in der hektischen Masse auf der Brücke gefangen ist nimmt diese versteckte Idylle wahr. Meine Neugierde ist geweckt. Ich laufe noch ein Stück an der Brücke entlang und finde eine winzige Steintreppe, die zu dem Cafe führt. Auch hier knubbeln sich noch die Menschen, aber je weiter man hinunter geht, desto ruhiger wird es. Der Lärm der Autos verblasst auf einmal und wie Alice im Wunderland, steige ich ab in eine vollkommen andere Welt. Erst als ich unten angekommen bin verstehe ich, dass dieses Cafe erst der Anfang eines Milieus ist, das mich sofort in seinen Bann zieht. Ein freundlicher Bann, voller lachender Menschen, Musik und Gerüchen, die mich wie in Watte einbetten und durch eine weitere, schmale Gasse tragen. Links von mir sind kleine Alkoven in die Brückenwand eingebettet. In jeder Bucht befindet sich eine Imbissbude. Aber nicht der übliche Fast Food Kram. An der einen Ecke bereitet ein Mann in einer riesigen gusseisernen Pfanne, frische Paella zu. Er lacht und tanzt dabei zu brasilianischen Klängen. In der nächsten steht ein Marokkaner und brät verlockend riechende Teigtaschen. Vor den einzelnen Alkoven sitzen die Gäste. Bunt gemischt, jeder nimmt einfach irgendwo Platz. Und dieser Platz besteht nicht aus normalen Bänken, sondern aus praktisch aufeinander gestapelten Getränkekisten oder Fässern. Ich lasse mich weiter treiben und werde durch die kleine Gasse bis zu einem größeren Platz geschleust. Jetzt stehe ich genau unter der Hauptstraße. Von weitem kann man die Autos über sich dröhnen hören, aber es ist ein entferntes, unaufdringliches Geräusch. Vor mir erstrecken sich unzählige kleine Buden und Stände. Dazu verträumte Hütten, die aussehen als wären sie direkt der viktorianischen Zeit entsprungen. 
Die Weite der Unterführung entzerrt den Menschenstrom und so herrscht hier ein idyllisches Treiben rund um die Verkaufsstände. Als ich nach oben sehe verstehe ich endlich wo ich bin. 
„Borough Market“ sagt ein Schild. Natürlich! Ein Ort, der mir schon so oft empfohlen wurde und dessen Name mein löchriges Gehirn andauernd vergessen hatte. 


Aaaach! Da war doch wat gewesen!

Plötzlich steigt mir das verlockendste Aroma aller Zeiten in die Nase. Eigentlich ist es nicht nur ein Geruch, sondern eine Mischung aus unzähligen Düften, Gewürzen, Getränken und Süßspeisen, denn auf dem Borough Market gibt es ausschließlich Nahrungsmittel zu kaufen. Frisch zubereitet, verlockend präsentiert und mit kostenlosen Probierhäppchen an jeder Theke. Ich wollte zu Shakespeare, aber gelandet bin ich im Schlaraffenland. 
Es gibt Käse, Joghurt aus Biomilch, Gewürze, frischen Fisch, Muffins, Kekse, Törtchen, klassische britische Pies, Obst, frisch gepresste Säfte sowie allerlei exotische Speisen. Suppe aus Thailand, Kichererbsenbrei aus Äthiopien, Currys aus Indien, schwedische Haferkekse und ganz besonders exotisch: Die original, deftige Nürnberger Rostbratwurst. Für einen Moment bin ich tatsächlich etwas stolz, denn in der Tat gibt es eine Sache, die die Engländer überhaupt nicht hin bekommen: Eine vernünftige Grillwurst! 

Verkaufsstand: Zum exotischen Deutschen
Unter der Brücke


Ich will das haben!


Und das auch!


Und das erst recht!


Das nicht so unbedingt (mit Fleisch gefüllte Pies)


Vegetarische Spezialitäten! 

Ich kann nicht anders als jeden einzelnen Stand zu begutachten und all die unterschiedlichen Aromen zu inhalieren. Mein Magen und meine Geschmacksknospen schreien inzwischen wie ein quengelndes Kind, das sich vor der Supermarktkasse auf den Boden geworfen hat. Kauf mir das! Kauf mir das! Ich will das essen! Und das essen! Und das hier auch noch! 
Doch wie so oft: Ist die Auswahl zu groß, verliert man irgendwann den Überblick und entscheidet sich letztendlich für gar nichts. So taumle ich einfach weiter, getragen auf der Welle der Eindrücke und vergesse immer mehr die Zeit. Immer wieder finde ich kleine Gassen, die vom Geschehen abgehen und mich zu verträumten Hinterhöfen lotsen. Es ist wie eine Schatzsuche und ich möchte keinen einzigen der verborgenen Edelsteine Londons verpassen. 

Hinterhofkunst. Da wird man wenigstens nicht nass.

Es hat einen Vorteil, wenn man alleine unterwegs ist. Leider kann man das Erlebte nicht mit jemandem Teilen und sofort besprechen, aber so ist man vollkommen auf die Eindrücke fixiert, wird von nichts abgelenkt und kann sie aufsaugen wie ein durstiges Tuch. 
Erst nach einer ganzen Weile merke ich, dass nicht nur mein Geist durstig ist, sondern auch meine Kehle. Seit dem Frühstück sind bereits einige Stunden vergangen und ich habe in der ganzen Zeit noch nicht einen Schluck getrunken. Zudem muss ich die Uhr im Auge behalten, denn heute Abend steht das nächste Theaterstück an. Ich beschließe also endlich eine Pause zu machen und entscheide mich für einen kleinen Snack am äthiopischen Stand. Meine Wahl fällt auf ein vegetarisches Ensemble, farbenfroh angerichtet von der Verkäuferin. Alleine beim Anblick läuft mir bereits das Wasser im Mund zusammen. Das Essen hält was es verspricht und wenn es nicht so dämlich aussehen würde, würde ich am liebsten den Imbisskarton auslecken. 




Sieht komisch aus, war aber VERDAMMT lecker!


Meine Mahlzeit nehme ich auf einem kleinen Mauervorsprung an einem Seitenarm der Themse ein. Hinter mir parkt ein riesiges Segelschiff. Ein originaler Nachbau des Schiffs auf dem Sir Francis Drake als erster Engländer die Welt umsegelt hat. Und dann fällt mir plötzlich wieder ein warum ich überhaupt hier gelandet bin! Shakespeares Globe. 
Als ich meine Karte zücke merke ich, dass ich meinem Ziel bereits viel näher bin als gedacht. Nur ein paar hundert Meter weiter lande ich am Ufer und dort, im weißen Fachwerkstil, erstrahlt das Theater. In Mitten von modernen Gebäuden steht es hier wie ein Fels in der Brandung. Als hätte jemand ein Stück aus dem alten London geschnitten und in der heutigen Zeit wieder eingeklebt. Endlich. Voller Vorfreude steuere ich auf den Eingang zu und… laufe vor die geschlossene Tür. Hinter mir höre ich, wie ein Tourist Guide einer Gruppe von Akne geplagten Teenagern erklärt, dass das Theater nur Vormittags besichtigt werden kann. Die Teenager scheint das herzlich wenig zu interessieren. Mich schon. Der Kirchturm nebenan schlägt drei Uhr Nachmittag. Mist. 
Wie ich schon sagte, Vorbereitung ist alles. Aber andererseits, wäre ich mit ihr jemals im Schlaraffenland gelandet? Ich glaube nicht. ;-)


Stay Professional


Shakespeares Globe Theater am Ufer der Themse


Chewbaccas Stammkneipe?


Hmmmm Tapas oder London... ? Schwere Entscheidung



Pausenselfie



Mittwoch, 9. September 2015

Everyman! Oder: Nachtjoggen klingt interessanter wenn man es mit ck schreibt

10.08.2015 Teil 4
London, 17:00 Uhr, ich stehe in meinem Hotelzimmer und halte einen Fenstergriff in der Hand. Ja, ihr habt richtig gelesen. Nur den Griff, ohne dazugehöriges Fenster. Das sitzt immer noch bombenfest in seiner Verankerung. Ooops. Wie bei so vielen Hotels in London, hat auch dieses hier die Fenster regelrecht verschweißt. Vermutlich damit der gestresste Ehemann nach vier Tagen Städtetrip mit der Ehefrau, nicht den Luftweg zur Rezeption im Erdgeschoss nimmt. In der Regel haben diese Hotels dann aber auch eine Klimaanlage. Meines nicht. Dafür aber kann man das Fenster zumindest einen Spaltbreit öffnen, sofern ein entsprechender Griff daran befestigt ist. Ich pfeffere das nutzlose Ding beiseite und beschließe ohne lebensnotwendige Luftzufuhr unter die Dusche zu springen. Kurze Zeit später habe ich den Raum in eine Saunalandschaft verwandelt. Immerhin war das Hotel so nett einen Ventilator auf zu stellen.
 Und nun die Frage aller Fragen: Was zieht man in London im Theater an? Ein gut gemeinter Rat an alle, die sich jetzt ebenfalls diese Frage stellen: Macht euch keinen Kopf! Ganz ehrlich, sofern ihr nicht geladene Gäste irgendeiner Gala oder Schickimicki Premiere seid, zieht etwas an in dem ihr euch wohl fühlt. Gut, ich meine jetzt nicht den Ballonseiden Trainingsanzug, aber ehrlich gesagt, ich glaube selbst der würde gehen. Wie ich darauf komme? Nun, dazu später mehr. Ich schlüpfe also in Jeans und T-Shirt und mische mich wieder unter das Volk. Endlich muss ich keinen tonnenschweren Koffer mehr hinter mir her ziehen, endlich bin ich richtig angekommen. Mit dem Bus geht es zurück zur Waterloo Bridge, die über die Themse führt. Das National Theatre liegt zu meiner rechten Seite. Ein grauer Betonbau aus den Siebzigern, der an ein paar schlecht aufeinandergestapelte Tupperdosen erinnert. So hässlich der Bunker auch ist, er übt eine ungemeine Faszination auf mich aus. Von hier aus werden jedes Jahr Live Übertragungen in Kinos in der ganzen Welt übertragen. Ich stehe nicht das Erste Mal hier. Während andere die Aussicht auf  Big Ben und das London Eye, auf der linken Seite der Brücke genossen haben, schaute ich auf dieses Gebäude und habe mir vorgestellt wie gerade ein gebanntes Publikum im abgedunkelten Theatersaal sitzt. Den Blick auf die Bühne gerichtet, mucksmäuschenstill und auf magische Weise versetzt in eine andere Welt. Heute darf ich diese Welt endlich auch betreten. Das Stück heißt Everyman. Viele kennen es vielleicht unter dem Namen „Jedermann“, geschrieben von Hugo von Hoffmansthal. Es gibt aber noch eine wesentlich ältere, englische Fassung, die aus dem 15. Jahrhundert stammt, und ja ich gebe zu, das habe ich gegoogelt um hier und jetzt Klugscheißern zu können. Aber worum geht es in der heutigen, modernen Version dieses Stückes:  Der wohlhabende Jedermann lebt im Überfluss. Drogen und Partys sind sein Alltag, er schaut nicht nach rechts und links. Doch dann wird er vom Tod aufgesucht. Jedermann aber flieht vor ihm und macht sich auf die Suche nach Menschen, die ihm bei diesem letzten, beschwerlichen Weg beistehen. Doch mit und mit merkt er, dass niemand bereit ist ihn zu begleiten. All sein Geld nutzt ihm jetzt nichts mehr. Je näher der Tod kommt, desto bewusster wird ihm wie er bisher gelebt hat. Ihm wird vor Augen geführt wie sich sein zum Teil skrupelloses, unbedachtes Handeln auf seine Mitmenschen und die Umwelt ausgewirkt hat. Auf dieser Reise begegnet er alten Bekannten, seiner Familie und zuletzt sich selbst. Natürlich ist der Name Jedermann bewusst gewählt, denn es fordert jeden auf einmal über sich selbst nach zu denken. Ist es alles richtig was ich mache? Fühle ich mich gut dabei? Bin ich ein guter Mensch und was ist überhaupt gut? Vor dem Theater ist ein riesiger Finger aufgemalt, unter dem man sich fotografieren lassen kann. Es ist als ob Gott auf dich deutet und sagt:  „Hey du! Ja du da unten! Du bist gemeint!“
Hilfe, ich bin noch nicht einmal im Theater angekommen und fühle mich jetzt schon ergriffen.

Heyyy! Hey duuu! Willst du ein i kaufen?


Im Foyer tummeln sich bereits die Besucher und ich nutze die letzten Minuten um mich ein wenig im Cafe aus zu ruhen. Während ich so in der hinteren Ecke des Cafés sitze, kann ich die Menschen unauffällig beobachten. Es ist tatsächlich ein kunterbunter Strauß aus allerlei Farben und Formen, die die Leute an sich tragen. Vom extravaganten Glitzerkleid zum lässigen Jeans Look bis zur Fahrradhose. Moment mal… Fahrradhose?! Ja, ich habe richtig gesehen. Vor dem Eingang zum Saal steht eine blonde Frau. Sie sieht aus als wäre sie gerade die Tour de France gefahren. Ihr knallgelbes Shirt trägt die gleiche Farbe wie der Fahrradhelm unter ihrem Arm. Und es stört niemanden! Das ist London! Wieder ein Grund mehr diese Stadt zu lieben. Als ich den Saal betrete bleibe ich erst einmal ehrfürchtig stehen. Genau diese Bühne habe ich bereits bei diversen Aufführungen im Kino bewundern dürfen. Kein Bühnenbild, gedämpftes Licht, Nebel wabert über dem Publikum. 



Die Bühne! Übrigens auch der Ort
an dem Benedict Cumberbatch das Stück "Frankenstein" aufgeführt hat. 


Mein Platz ist in der dritten Reihe, allerdings leicht erhöht, so dass ich genau auf Augenhöhe der Schauspieler sein werde. Und dann geht es los. Eine Putzfrau, die vorher teilnahmslos in der Ecke stand (ich dachte sie gehört zum Reinigungspersonal) erhebt das Wort. Ab dann wird das Publikum in eine laute, grelle Welt aus Musik, Neonfarben und Lichteffekten gerissen. Es ist als wäre ich selber in einem LSD Trip gelandet, dennoch ist es nur der Drogenrausch des Jedermann auf der Bühne… aber, bin ich nicht eigentlich auch Jedermann? Der Hauptdarsteller Chiwej Ewje… Ewjewej chiw… ew… (Moment ich muss mal eben googeln)…  Chiwetel Ejiofor, bekannt aus dem Oskar prämierten Film „12 years a Slave“ spielt sich die Seele aus dem Leib. Aber nicht nur die, sondern auch jede einzelne Wasserreserve. Meine Güte, ich wusste nicht, dass ein Mensch so sehr schwitzen kann. Immer wieder ertappe ich mich dabei nach der unsichtbaren Gießkanne zu suchen, die diese Wassermassen über seinem Kopf ausschüttet. Die Leute in der ersten Reihe bekommen das besondere Vergnügen mit den Körperflüssigkeiten eines Hollywoodstars in Berührung zu bekommen. Ich gebe zu, auf diese Ehre verzichte ich dann doch ganz gerne. Chiwetel ist mit Leib und Seele dabei, wenn auch etwas hyperaktiv, denn ab und zu würde ich gerne mal durchatmen können. Wer herausragend sein Können unter Beweis stellt sind die Beleuchter und Bühnenbildner, die einen packen und in eine Welt reißen, die mir bis heute nicht mehr aus dem Kopf geht. Da entstehen aus dem Nichts riesengroße Müllmonster a la Jim Henson, da regnet es plötzlich von der Decke, da drischt ein künstlicher Sturm mit so brachialer Gewalt durch den Zuschauerraum, dass selbst drei Wetter Taft meine Frisur nicht mehr halten kann.  Und mittendrin der Tod, der mit dem Publikum interagiert. Nicht mit Worten, nur mit Blicken. Er trifft auch mich und es ist als würde ich eine Stimme in mir hören: „Vielleicht bist du die nächste. Was hast du bisher aus deinem Leben gemacht? Denk mal drüber nach.“  Ein Gefühl, dass mich auch nach der Vorstellung nicht los lässt. Die Menschen ergießen sich aus dem Hauptausgang auf die Promenade vor der Themse. Es ist bereits dunkel geworden und vom Gewässer bläst frischer Wind zu uns hinauf. Langsam zieht sich die schwüle Luft des Tages zurück. Obwohl es kurz vor Mitternacht ist, kommen mir jede Menge Jogger entgegen. Nachtjoggen scheint hier sehr verbreitet zu sein, vermutlich weil man um diese Uhrzeit endlich atmen kann. Ich bin hundemüde und trotzdem aufgedreht. Meine Füße tragen mich weiter, aber nicht zur Bushaltestelle sondern an der Promenade entlang. Die Stadt schläft nicht, ich habe das Gefühl sie ist gerade erst richtig wach geworden. Menschen tummeln sich am Ufer, es wird gesungen, getanzt, gelebt. Ich werde eingesponnen von den Fäden der grellen Neonlichter, getragen von den Klängen der Musik, mitgerissen von der Fröhlichkeit der Menschen. Ich schwimme im Strom neben der Themse und er spült mich an einen Ort, den ich hier gar nicht erwartet hätte. Plötzlich stehe ich in Mitten einer Kulisse aus meiner Lieblingsserie Sherlock. Eine Art Unterführung, die von oben bis unten mit Graffiti besprüht ist. Aber es wirkt nicht dreckig oder ungemütlich sondern eher wie Kunst die ich mit offenem Mund betrachte. Zwischen den Betonpfeilern dreht gerade eine kleine Filmcrew eine Skaterszene. Da ich nicht als „die seltsame Frau“  im Hintergrund eines Youtube Videos landen möchte, gehe ich weiter und verzichte darauf vernünftige Fotos zu machen. Das werde ich definitiv nachholen wenn ich wieder her komme. Irgendwann. 

Ja, hier wurde Sherlock gedreht. Nein es roch nicht nach Urin!
Die Kölner sind jetzt neidisch, gell? ;-) 


Die Brise frischt auf, ich merke wie meine Knochen anfangen zu Schmerzen. Schweren Herzens muss ich mich trennen. Zurück im Hotel schaffe ich sogar das Fenster zu öffnen, auch ohne den Griff und ohne die Scheibe ein zu schlagen. Die Hauptverkehrsstraße nehme ich nur noch in weiter Ferne wahr als ich in einen tiefen Schlaf falle. Lebe ich mein Leben richtig? Ich weiß es nicht. In diesem Moment fühlt es sich jedenfalls verdammt richtig an.   

Stay Professional!


Frozen ist übrigens die Weiterführung von Zerrrroo!

Und ihr dachtet ICH wäre bekloppt?
Das hier gab's im Museumsshop zu kaufen... JA, das sind Malbücher!
NEIN, ich habe sie nicht gekauft!
P.S. Ideen für potentielle Weihnachtsgeschenke an mich
sind hiermit offiziell gegeben.... *hust*