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Donnerstag, 14. April 2016

Filmreview „High Rise“. Oder: Ist das wirklich Fiktion?

10.04.16

Heute ist der zweite Tag der Fantasy Filmfest Nights. 
Diesmal wird uns ein Film mit dem britischen Sahnehäubchen Tom Hiddleston serviert. 
Aus gegebenem Anlass hat der Ehemann beschlossen seine Eintrittskarte lieber jemand anderem zu überlassen. Ich vermute er hat das „Crimson Peak“ Trauma vom letzten Jahr noch nicht überwunden (Siehe Eintrag vom 15.10.2015). Dabei habe ich mich doch so zusammen gerissen. Kein entzücktes Quietschen während des Films und den Sabber hab ich nach der Vorstellung auch ganz ordentlich aufgewischt. 

Als ich in Köln eintreffe ist der Media Park ungewöhnlich leer, obwohl die Sonne scheint und den abendlichen Himmel mit einem Hauch von goldener Seide überzieht. Die Luft schmeckt nach Frühling und man spürt, dass die Winterkleidung langsam eingemottet werden kann. 
Doch über der Stadt liegt eine seltsame Stimmung. Ein lautes Summen schallt zwischen den Häuserwänden. Mein Blick richtet sich nach oben, doch ich kann nicht sehen woher dieses Geräusch kommt. Erst als ich auf den großen Platz vor dem Mediaturm ankomme erkenne ich, wie ein paar Häuserblocks weiter ein Polizeihubschrauber über der Stadt steht. 
Die Rotorblätter halten ihn in der Luft und doch schwebt er auf ein und derselben Stelle, wie ein Kolibri, der Nektar aus einer Blüte saugt. Er beobachtet die Geschehnisse direkt unter ihm. 
Ein Blick auf mein Smartphone verrät mir, was sich nur wenige Straßen weiter abspielt. Eine Kurden Demonstration ist eskaliert. Die Polizei muss Pfefferspray gegen Demonstranten und ihre Gegner einsetzen. Die Situation gerät außer Kontrolle. 
Gleichzeitig marschieren nur wenige Meter weiter, jede Menge, grölende Fußballfans auf, die umgeleitet werden müssen um nicht auf Fans der anderen Mannschaft oder Kurden, oder Gegendemonstranten zu treffen. 
Trotz der Sonne fröstelt es mich plötzlich. Ich tauche ein in den Schatten des großen Mediaturms. Dann beschleunige ich meine Schritte. Besser ins Kino, besser flüchten aus der Realität, die für mich in diesen Tagen so surreal wie ein Gemälde von  Salvador Dali wirkt. 
Und ich denk mir noch: Wäre cool, wenn du jetzt ein Foto von nem Hochhaus für deinen
Blog schießen könntest. Zum Glück hatte der Mediapark gerade ein Häuschen auf Lager. 

Im wunderschönen Residenz Kino angekommen, lehne ich mich entspannt im bequemen Ledersessel zurück. Meine Füße betten sich auf einem gepolsterten Hocker. Nobler kann man einen Kinoabend nicht bestreiten. 
Der Hauptfilm wird kurz vom Moderator vorgestellt und wir werden davor gewarnt, dass Tom Hiddleston die Hälfte der Zeit über nackt sein wird. Dies ist der Moment in dem der Ehemann aus irgendwelchen Gründen zu Hause ein Zeichen des Himmels zugesandt bekommt und sich mysteriöserweise dreimal bekreuzigt… naja, so stelle ich es mir jedenfalls vor. 
Ich sinke noch tiefer in meinen Sessel und spüre wie sich meine Gesichtsmuskeln bereits nach kürzester Zeit verkrampfen. Das liegt an meinem Dauergrinsen, denn der Moderator hatte recht. 
Ooooh ja! 
Aber gut, wischen wir den voyeuristischen Aspekt mal für einen Moment beiseite und widmen wir uns der Story (auch wenn ich zugeben muss, dass die überdurchschnittlich häufigen Duschszenen des Protagonisten nicht wirklich dazu beitragen die Konzentration aufrecht zu erhalten). 
„High Rise“ basiert auf dem gleichnamigen Roman von  J.G. Ballard, der in den 80er Jahren einige Science Fiction Romane lieferte, die verrückte, aber irgendwie erschreckend logische Zukunftsvisionen beschrieben. Die Betoninsel z.B. handelt von einem Autounfall auf einem Kreisverkehr, der so riesengroß und verbaut ist, dass der Verunfallte nicht mehr von nach Hause findet und dort sogar eine eigene Zivilisation antrifft. 
In „High Rise“ zieht Protagonist Dr. Robert Laing (Tom Hiddleston) in ein nagelneues, riesengroßes Hochhaus. Dieser Komplex funktioniert komplett autark. Es gibt dort ein Schwimmbad, eine Schule, einen Supermarkt, ein Fitnessstudio etc. Je länger Laing sich dort aufhält, desto mehr fühlt er sich in der abgeschotteten, eigenen Welt des Hochhauses wohl. Die Gesellschaft außerhalb der Betonwände macht ihm mehr und mehr Angst. Er bekommt Panikattacken, zieht sich aus der Außenwelt zurück und lebt bald nur noch hinter den Türen des „High Rise“. 
Aber nicht nur ihm scheint es so zu gehen. Die Bewohner der verschiedenen Stockwerke bilden mehr und mehr eine Parallelgesellschaft zur Außenwelt. 
In den unteren Etagen leben die Menschen mit dem geringsten Einkommen. Hier gibt es viele Kinder, ziemlichen Trubel, lautstarke Ehekrisen und wilde Partys. 
In den mittleren Etagen lebt die Mittelschicht. Sie fügt sich relativ widerstandslos in die Gesellschaft mit ein, genauso wie Robert Laing. Und ganz oben, im Penthouse, wohnt der Wohlstand. Der Architekt des Gebäudes (wunderbar porträtiert von Jeremy Irons) hat sich sogar einen riesigen, grünen Garten auf dem Dach geschaffen. 
Der Ärger beginnt als es in den unteren Etagen zu ersten Stromausfällen kommt. Das System ist überlastet, die Müllschächte schaffen es nicht mehr mit den Massen klar zu kommen, es gibt nur noch selten fließendes Wasser. 
Die Unterschicht protestiert, wird aber von der Oberschicht immer wieder in ihre Schranken gewiesen. Und so dauert es nicht mehr lange bis eine Revolte entsteht, die einen blutigen Feldzug, angeführt von Richard Wilder (Luke Evans) durch das Hochhaus nach sich zieht. 
Ok. So weit so gut. 
Jetzt kommt die Krux! 
Ich habe den Roman vor einem Jahr gelesen. J.G. Ballard treibt es in der Beschreibung des Aufstandes und Verfalls der Gesellschaft mit all ihren erschreckenden Abgründen so sehr auf die Spitze, dass man nach der Hälfte des Romans schon am liebsten aus dem Hochhausleben flüchten möchte. Man hofft immer noch darauf, dass sich doch noch alles zum Guten wendet und wird, ohne dass man es merkt, selber zum Protagonisten. 
Nämlich bei der Frage: Warum zum Teufel erkennen die Bewohner des „High Rise“ nicht, in was für Bürgerkriegszuständen sie plötzlich leben? Warum verlassen sie nicht einfach das Gebäude? Warum klappt man als Leser nicht einfach das Buch zu und verlässt selber den magenzerfressenden Alptraum aus Vandalismus, sexuellen Übergriffen, Orgien, Drogen, Frauenfeindlichkeit, Tierquälerei und Gewalt? 
Irgendwie hatte ich gehofft, dass die Verfilmung hier etwas schonender mit dem Zuschauer umgeht, etwas massentauglicher agiert. 
Wenn „High Rise“ eines richtig macht, dann ist es den Roman verdammt gut zu adaptieren. 
Auch im Kino wünsche ich mir ab der Mitte des Filmes endlich ein Ende des Alptraums. Ich möchte fliehen aus dieser düsteren Zukunftsvision. 
Warum quält mich diese fiktive Hochhaus Gesellschaft so? 
Liegt es vielleicht daran, dass ich ganz im Verborgenen hauchzarte Fäden vernehme, die sich bis in unsere Realität zwirbeln? 
Nein, so sind wir Menschen nicht, das können wir einfach nicht sein...
Aber ist das wirklich so? 



Wie im Buch, zieht sich der ursprüngliche Protagonist Laing auch im Film immer mehr in den Hintergrund zurück. Die Rebellen und die dekadente Oberschicht geraten in den Fokus und wir werden Zeuge von viel zu vielen, zwischenmenschlichen Abscheulichkeiten. Jeder will seinen Lebensstil durchsetzen, jeder ist sich selbst am nächsten, jeder übt auf seine Art und Weise Macht gegenüber anderen aus. 

Nach fast zwei Stunden ist die Tortur beendet und wir werden aus dem Hochhaus/dem Kino wieder auf die Straße, unsere eigene Realität entlassen. 
Der Hubschrauber kreist nicht mehr über der Stadt. Der wütende Mob wurde für einige Zeit wieder verdrängt. Zurück in die eigene Etage. Von oben schaut der Mediaturm auf mich herab. Im Dunkeln wirkt er bedrohlich und hat plötzlich erschreckende Ähnlichkeit mit dem Hochhaus aus dem Film. 
Mir wird bewusst: So sehr manchen Leuten die Welt hier draußen auch Angst macht, selbst wenn wir eine Schutzmauer um uns aufbauen, werden wir auch innerhalb dieser irgendwann wieder in die gleichen, gesellschaftlichen Strukturen rutschen. 

Mein Fazit: „High Rise“ ist definitiv ein sehr, sehr anstrengender Film, der viele Fragen aufwirft und die Antworten dem Zuschauer selber überlässt. Wer keine Angst vor so etwas hat, der kann sich den Film ab Juni 2016 in deutschen Kinos ansehen. Wer einen entspannten Kinoabend braucht, der sollte besser die Finger davon lassen.  
Ich bin mal gespannt was ihr so über J.G. Ballards Werk denkt. 
Bis dahin!
Stay Professional


P.S. Im Film enthalten sind übrigens zwei unfassbar tolle Coverversionen vom ABBA Ohrwurm: S.O.S. Einmal eine klassische Version von Komponist Clint Mansel und einmal von der Gruppe Portishead, die extra für diesen Song nach Jahren wieder zusammen im Studio war. Und jetzt das Problem: Beide Stücke sind nirgendwo erhältlich! Sie sind eigens für den Film komponiert worden und werden nicht veröffentlicht, selbst nicht auf dem offiziellen Soundtrack. Die Beissspuren meiner Zähne, nachdem ich das erfahren habe, sind immer noch in meinem Lenkrad zu finden. 

Vor der Vorstellung im Mediapark. Dazu lautes Hubschraubersummen. Aber stattdessen
zu Hause einschließen? Definitiv keine Option!
      




Sonntag, 10. April 2016

Filmreview „Moonwalkers“. Oder: Das hat nichts mit dem King of Pop zu tun!

09.04.2016
Was macht man an einem der ersten, Frühlings Wochenenden, dessen Temperatur endlich den Winter aus unseren Köpfen vertreibt? 
Richtig! 
Man geht nachmittags ins Kino. 
Zugegeben, in diesem Fall nicht die schlauste Freizeitbeschäftigung, aber wenn die Fantasy Filmfest Nights vor der Tür stehen, dann kann der Fan des Genrekinos einfach nicht nein sagen. 
An diesem Wochenende stellen ausgewählte Kinos in ganz Deutschland wieder einmal diverse Filme vor, die so entweder noch nicht in Deutschland veröffentlicht worden sind, oder hierzulande leider gar nicht erst ins Kino kommen werden (Aus unterschiedlichsten Gründen).
Letzteres ist bei dem Film „Moonwalkers“ der Fall. Bisher konnte ich im Internet noch kein Release Date für diesen Film, geschweige denn einen deutschen Trailer finden. Und das ist verdammt schade, denn mit diesem Werk habe ich beim Filmfest diesmal tatsächlich einen Glücksgriff gemacht. 
Das war nicht immer der Fall. 
Ich erinnere mich an einen deutschen Fantasy Film mit u. A. Götz Otto, den ich mir am liebsten heute noch aus dem Gedächtnis saufen möchte. „Mask under Mask“ hieß er. Die Intention war nett, die Umsetzung zum fremdschämen. Den verwirrten Blick meiner Freundin, die ich unbedarft mit ins Kino geschleppt hatte, werde ich nie vergessen. 
Heute habe ich den Ehemann mit eingepackt und hoffe, dass es diesmal kein Reinfall wird. Trailer und Story hatten mich jedenfalls schon überzeugt. 

Zur Feier des Tages hab ich meine Glitzer Sneaker angezogen. Ab heute werde ich sie liebevoll Moonwalkers nenen. 


Also, worum geht es in dem Film? 
Wir befinden uns in den 70ern. C.I.A Agent Kidman (gespielt von Hollywood Kante Ron Perlman, der in Filmen wie „der Name der Rose“ oder „Hellboy“ brilliert) erhält einen ungewöhnlichen Auftrag. Die Mondlandung steht kurz bevor, doch falls die Mission misslingen sollte, wollen sich die USA die Blöße nicht geben und stattdessen einen gefälschten Einspieler über die Mondlandung senden. Um diese Idee in die Tat umzusetzen braucht das Militär jemanden aus der Filmbranche. Die Wahl fällt auf 2001 Space Odyssee Regisseur Stanley Kubrick. Kidman wird nach London gesandt um den Regisseur ausfindig zu machen. Aufgrund einer dieser Hollywood typischen Verkettung von Missgeschicken, trifft Kidman aber nicht auf Kubricks Manager sondern den mittel- und talentlosen Musikmanager Jonny (gespielt von Harry Potter Star Rupert Grint). Der wittert seine Chance in Form eines Koffers voll Geld, den Kidman als Entlohnung für den fertigen Film anbietet. Und so nimmt die Katastrophe seinen Lauf. Jonny schickt seinen dauerbekifften Mitbewohner Leon (Robert Sheehan) als Kubrik Fälschung ins Rennen und schafft es damit tatsächlich Kidman zu überzeugen. Doch kaum ist das Geld in seinen Händen, wird es ihm auch schon wieder entrissen. Und noch viel schlimmer: Kidman hat nicht nur den Auftrag innerhalb einer Woche einen perfekten Film zu präsentieren, sondern auch sämtliche Mitwissende, anschließend um zu legen. Und so leicht lässt sich ein C.I.A Agent nicht abschütteln. 
Was soll ich sagen, die abgedrehte Story hat mich neugierig gemacht und sie hat mich letztendlich nicht enttäuscht. Der Film enthält sehr viele, lustige Momente. 
Es sind zwar seltener die plötzlichen Lachmomente, die einen bei manch anderem Film prustend aus dem Sitz springen lassen (wobei es da auch einige gab). Stattdessen hatte ich aber die ganze Zeit über ein breites Grinsen im Gesicht. 
Es hat wirklich Spaß gemacht zu verfolgen wie Kidman im dauerangespannten Zustand jeden vermöbelt, der ihm einfach zu sehr auf den Geist geht (manchmal wünsche ich mir das im wahren Leben auch. „Hey du, ich hab da mal ne Frage, also…“ SMACK! PAFF! Ruhe…). 
Doch auch die anderen Schauspieler machen ihren Job richtig gut. 
Angefangen bei Rupert Grint, der in seiner Rolle einfach nur liebenswert ist, über Robert Sheehan, als auch bei brillant besetzte Nebenrollen wie z.B. James Cosmo, der einen wunderbar, britischen Bösewicht mimt. 
Übrigens, auch ein reizvoller Faktor, der mich sehr anspricht: Die ewigen Sticheleien zwischen Amerikanern und Briten, bei denen sich die Briten wieder einmal gekonnt selber auf die Schippe nehmen. Nun muss man allerdings dazu sagen, dass wir den Film im O-Ton gesehen haben. Ob das bei der Syncro auch so rüber kommt, bleibt ab zu warten. 
Ein großgeschriebenes OBACHT geht an all die, die es nicht so gerne blutig mögen! 
Moonwalkers hat den ein oder anderen Splatter/Schockeffekt parat, den man anhand der Kurzbeschreibung vielleicht nicht erwartet. Für alle anderen, ist es definitiv sehr amüsant, wenn hier und da absolut schonungslos der ein oder andere Kopf mit der Pumpgun weggeblasen wird (Ja, es sieht so aus wie ich es beschreibe). 



Fazit: Ich stehe normalerweise nicht auf Kiffer Filme. 
Jay und Silent Bob sind zwar Kult, aber ich musste nach einiger Zeit umschalten. 
In Moonwalkers hüllen einen die Hippies der 70er ebenfalls in permanente Rauschzustände. Hier wird alles konsumiert was damals Rang und Namen hatte, aber genau diese Szenen machten hier die besten Lacher und vor allen Dingen wirklich gute, optischen Effekte aus. 
Wenn jemand auf den Flair und die Musik der 70 er Jahre steht, keine Angst vor gelegentlichen Splatter Momenten oder barbusigen Frauen hat, der ist hier absolut gut aufgehoben. 
(Moment mal? Hab ich da gerade unterstellt, dass es Leute gibt, die Angst vor barbusigen Frauen haben? Hmmm…). 
Es bleibt zu hoffen, dass der Film in Kürze zumindest auf DVD erscheint (Bei Amazon ist er bereits als Import erhältlich, aber halt nur im O-Ton). 
Wenn er euch über den Weg läuft, einpacken, mitnehmen, ansehen! 
Und ich bin gespannt, ob ihr den Abspann ebenfalls wie der gesamte Kinosaal bis zur letzten Minute schaut. 
So, der nächste Film auf meiner Fantasy Filmfest Nights Tour ist: High Rise. Mal sehen wie der so ist. Ich werde berichten. 

Bis dahin: 
Stay Professional!